Selbstbild als aktive Experiencerin
Kategorien: Sprache

Wie wahrscheinlich den meisten Menschen auf der Welt widerfahren auch mir immer wieder Dinge. Ich werde ständig Situationen ausgesetzt, oft solchen, die Gefühle hervorrufen oder Gedanken verursachen. Und das ist soweit okay, ich finde mich damit ab. Was mir allerdings nicht gefällt, sind typische Formulierungen in der Welt, mit denen solche Situationen und Erfahrungen beschrieben werden.

 

 

Wenn ein Ereignis sprachlich repräsentiert wird, lassen sich je nach Art des Ereignisses eine Reihe thematischer Rollen für die beteiligten Entitäten zuweisen, also inhaltliche Kategorisierungen danach, auf welche Weise die jeweilige Entität am Ereignis teilnimmt. Es gibt beispielsweise Entitäten, die durch Ereignisse etwas empfangen, z.B. der oder die Beschenkte in einem Szenario mit dem Verb “schenken” - der Rezipient - oder Entitäten, die Ereignisse aktiv verursachen, wie das Subjekt in einem Szenario mit dem Verb “anzünden” - der Agens.

 

 

In Situationen wie den oben erwähnten, in denen Gefühle oder Gedanken im Vordergrund stehen, bekommt das menschliche Vehikel für diese Gefühle und Gedanken die thematische Rolle des Experiencers. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Satz im Aktiv oder Passiv steht. In allen folgenden Sätzen hat Oma die thematische Rolle des Experiencers inne:

 

1) Etwas wurmt Oma.

2) Oma wurde von der Höhe der Telefonrechnung stark verunsichert.

3) Oma ist traurig.

4) Oma hat Sorgen.

5) Oma ärgert sich.

 

 

Ich finde, dass einige dieser Formulierungen die Tatsache unterschlagen, dass es oft mit hohem kognitivem, emotionalem oder auch körperlichem Aufwand verbunden ist, wenn man Situationen experiencet, entschuldigung, erlebt.

 

 

Am meisten gefällt es mir, den Experiencer in die Subjektposition zu erheben, wodurch Formulierungen wie 1) und 2) ausfallen. Die geleistete kognitive/emotionale/körperliche Arbeit wird in Formulierungen mit aktivischem und aussagekräftigem Vollverb außerdem deutlicher als beispielsweise in 3) oder 4). Aber wenn ich sage, Oma ärgert sich, dann drücke ich damit aus, dass Oma momentan Energie in diesen Ärger investiert, sich sozusagen aktiv mit dem Ärger beschäftigt, damit er aufhört.

 

 

Wenn ich mich ärgern lasse, wird mein Ärger von äußeren Einflüssen bestimmt, und dann habe ich wenig Kontrolle. Ich habe mir angewöhnt, mich stattdessen direkt selbst aktiv zu ärgern. Dann kann ich nämlich auch planen, wann ich das erledige. So nutze ich meine Freizeit optimal aus.

 

PS: Oma, ich hoffe, du ärgerst dich nicht über die Hauptrolle in den obigen Beispielsätzen.

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