Rückblick auf "Let's Talk About Bots": #botsruhr
Kategorien: Bots

Ein Barcamp zu organisieren ist heftig, aber es lohnt sich auch. Meine erste eigene Veranstaltung dieser Art hat sich zumindest wie ein Erfolg angefühlt.

Letzten Samstag haben sich etwa 15 Interessierte mit den unterschiedlichsten beruflichen und persönlichen Hintergründen versammelt, um einen Tag lang mit mir über Bots zu reden. Dabei war mir wichtig, dass wir nicht technische Fragen erörtern, die bei der Programmierung oder beim Hosten von Bots anfallen - ich wollte die Zeit lieber nutzen, um die Themen zu verhandeln, die keine eindeutige korrekte Antwort haben, die man sich auch alleine ergoogeln kann. Dafür war das Barcamp-Format bestens geeignet, weil es gleichberechtigte Diskussionen in einem freien Rahmen ermöglicht.

 

Wir haben den Tag in insgesamt sieben Sessions aufgeteilt, die sich inhaltlich zum größten Teil um kreative und soziale Aspekte von Bots drehten. Gegen Ende des Tages wurde es für mich immer spannender, aber auch immer ermüdender, weiter zu diskutieren. Wir haben die Veranstaltung nach insgesamt sieben Stunden beendet, uns aber geeinigt, dass die Diskussion um Bots definitiv weitere Treffen dieser Art rechtfertigt, vielleicht dann eher als abendfüllendes Meetup und nicht als ganztägiger Termin. Da ich bisher alleine die Verantwortung für die Organisation hatte und in den kommenden Monaten nicht allzu viel Zeit für weitere Arbeit daran habe, haben wir ein Meetup im Oktober oder November grob ins Auge gefasst.

 

Bots im Gesundheitswesen

Um in das Programm einzusteigen, hatte ich mir überlegt, mit einer Präsentation anzufangen, damit diejenigen, die noch niemanden kannten und noch keine Barcamps besucht haben, sich erstmal berieseln lassen konnten. Andre Hellwig erzählte uns von den verschiedenen Robotern, die im Gesundheitswesen im Einsatz oder in der Entwicklung sind, von Paro, der Roboter-Robbe für Alzheimererkrankte, über die japanische Zahnarztpatientinnenpuppe für das Training neuer Fachkräfte, bis hin zu OP-Assistenz-Maschinen, die das Operationsbesteck teilweise oder komplett steuern und so für höhere Genauigkeit, aber weniger menschliche Spontaneität sorgen.

Die Präsentation führte schnell zu angeregten Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten, vor allem darüber, ob wir menschlichem oder maschinellem Personal eher vertrauen würden, uns korrekt zu operieren. Ich selbst war während der Diskussion überzeugt, dass ich mich nur in menschlichen Händen wohlfühlen würde, aber später ist mir eingefallen, wie lang teilweise die Schichten in Krankenhäusern sind, wie unvorhersehbar körperliche oder psychische Störungen oder Komplikationen sind, und wie schnell Maschinen im Vergleich zu Lebewesen Entscheidungen treffen können. Inzwischen ist mein Standpunkt ähnlich wie der zu selbstfahrenden Autos: Selbst wenn sie nicht 100% sicher sind, können sie ja trotzdem sicherer sein als der menschengesteuerte Status Quo mit all seinen Nachteilen.

 

Live-Demo von Chatbots/virtuellen Assistenten

In der nächsten Session haben ein Vertreter und eine Vertreterin unterschiedlicher Startups mit Fokus auf virtuellen Assistenten uns ihre Produkte mit Live-Demo vorgestellt und wir haben verglichen, welche Herangehensweisen sie gemeinsam hatten und wo Unterschiede waren. Das war als State-of-the-Art-Einblick besonders informativ, aber leider konnten wir nur bis zu einem gewissen Grad hinter die Fassade sehen, weil sie natürlich ihre jeweiligen Betriebsgeheimnisse gehütet haben und auf die konkreten Implementierungsdetails nur vage eingegangen sind. Ein besonders auffallender Aspekt war, dass die Webshop-Assistentin von Kauz ihre Gesprächspartner/innen ausschließlich im Rahmen der Webseite, des Shops, des unmittelbaren Chat-Umfelds unterstützt, während der Prototyp von Gigaaa sich einer Vielzahl von App-APIs bedient, um Fragen nach Flugtickets, Fahrzeiten oder Wetterupdates anhand der Informationen externer Anbieter zu beantworten.

 

Wem vertraut man eher, Menschen oder Maschinen?

Die Demo-Session ging fast nahtlos in die nächste über, in der es darum ging, ob Menschen dazu tendieren, Bots/Robotern zu vertrauen. Auch hier waren die Anwesenden sich uneinig, ob z.B. bei der Buchung von Tickets ein Mensch oder eine Maschine vertrauenswürdiger ist. Alle Argumente, die uns bezüglich "Bösartigkeit" oder Inkompetenz einfielen, lassen sich bei näherer Betrachtung auf Menschen genausogut anwenden wie auf Bots. Meine grundsätzliche Vermutung ist, dass ich bei Menschen eher merken würde, ob sie mich gerade reinlegen wollen, aber jemand anders hat mir erklärt, dass das Reinlegen bei Bots vermutlich eher beobachtbaren Regelmäßigkeiten folgt und demzufolge dann leichter zu identifizieren werden könnte.

 

Ein wenig haben wir kurz vor der Mittagspause auch das Thema Roboterethik gestreift, weil wir uns gefragt haben, ob ein Bot (oder ein nicht-menschlich-codiertes statistisches System) eigentlich bessere Entscheidungen treffen kann als ein Mensch. Der erste Eindruck beim Nachdenken darüber ist für viele: ja, der Bot kann neutraler sein, weil er keine eigenen Emotionen hat, die ihn beeinflussen. Aber natürlich braucht jedes Entscheidungssystem zuerst einen Input, gelabelte Datensätze, und wenn diese Datensätze auf menschlichen Entscheidungen basieren, dann sind auch menschliche Vorurteile darin abgebildet.

Ein aktuell relevantes Thema dazu war der Roboter, der in Dallas einen Sprengsatz zu einem Menschen transportiert hat, der mehrere andere angeschossen, verletzt und getötet hatte, woraufhin der Attentäter in die Luft gesprengt wurde. In sozialen Medien wurde der Einsatz des Roboters heftig kritisiert und als besonders beunruhigende Maßnahme der Polizei aufgefasst. Als ich das las, wunderte ich mich darüber, dass Drohnen seit Jahren in Kriegsgebieten aktiv sind und erst der Einsatz einer vergleichbaren Technologie im Inland die Diskussion darüber ankurbelt. Die ethische Frage zum Roboter kam mir auch zweitrangig vor, weil ich in diesem Kontext den Roboter nur als Transportmittel wahrnehme, denn die Entscheidung, ob etwas gesprengt wird oder nicht, wurde ja vollständig von Menschen getroffen. Die ethische Frage, ob diese Entscheidung angebracht war, würde ich unabhängig vom Einsatz eines treppensteigfähigen Fahrzeugs bewerten.

 

Boterkennung in Spielen, Social Media und bei Bewertungsplattformen

Nach der Mittagspause ging es weiter mit einer Präsentation von mir über Strategien zur Boterkennung in Kontexten, in denen Bots aus verschiedenen Gründen unerwünscht sind. Als Beispiele habe ich drei Themenbereiche vorgestellt und die jeweils verbreitetsten und erfolgreichsten Methoden zur Erkennung/Vermeidung von Bots zusammengetragen. In Computerspielen können Bots anhand ihrer Bewegungs- und Interaktionsmuster durch Entropiemaße von Menschen unterschieden werden. In sozialen Medien können Metadaten wie Timestamps, Geodaten und Geräteinformationen zur Klassifizierung herangezogen werden, aber auch die Entropie über den Inhalt und die Form sämtlicher Nachrichten eines Accounts kann aufschlussreich sein. Außerdem lassen sich klassische Spambots, zum Beispiel auf Twitter, oft daran erkennen, dass sie zweifelhafte Links posten, teilweise sogar immer wieder die gleichen. Der letzte Themenbereich, Bots auf Produktbewertungsplattformen, kann von vielen Strategien zur Boterkennung in sozialen Medien profitieren, darüber hinaus kann man aber auch die abgegebenen Bewertungen vergleichen und beispielsweise ermitteln, ob ein Account ausschließlich ein Produkt positiv bewertet hat und alle Konkurrenzprodukte negativ. Die Folien zu meiner Präsentation sind auf meiner Webseite verfügbar, am Schluss steht auch ein Link zur Hausarbeit, die ich vor kurzem zu dem Thema geschrieben habe.

 

Bots und Kunst

Die nächste Session war für mich die allerwichtigste, aber ich glaube, das Publikum war nicht so gut darauf eingestellt (oder schon zu erschöpft). Es sollte darum gehen, ob ein Bot Kunst erschaffen kann. Dafür müsste man vielleicht zunächst klären, was man unter Kunst versteht, was seit Jahrtausenden unbeantwortet ist. Wenn man als gegeben voraussetzt, dass Jackson Pollock, Yves Klein und Piet Mondrian Kunst erzeugt haben, ist es interessant, sich zu fragen, worin genau bei ihnen der schöpferische Akt bestand. Ein Programm, das weiße und bunte Kästchen und schwarze Linien mit ähnlichen Verteilungen wie bei Mondrian auf einer Leinwand platziert, kann nicht schwer zu schreiben sein. Wenn das Programm als Ergebnis zufällig eine Komposition malt, die exakt in der gleichen Form von Mondrian gemalt wurde - ist das dann Kunst? Hat der Bot Mondrian gecovert? Oder ist es vielleicht nur Kunst, wenn Emotionen oder Intentionen eines lebenden Organismus dahinterstecken, und wenn das nicht der Fall ist, ist es höchstens ästhetisch ansprechender Müll?

Mit meiner Meinung habe ich mich etwas allein im Raum gefühlt: dass für mich nicht die Kompositionen 2000-2999 Kunst sind, sondern dass für mich die Intentionen und die Fähigkeiten der Programmiererin oder des Programmierers dazu führen, dass der Bot selbst ein Kunstwerk wird. Eben ein Kunstwerk, das selbst einen Output produziert. Performance Art?

Die Positionen der anderen wirkten für mich eher so, als wären die zugrundeliegenden Meinungen "Echte Künstler malen selbst" einerseits oder "Klar kann ein Bot Kunst machen, hauptsache das Ergebnis sieht schön aus" andererseits. Es kann aber auch gut sein, dass die Diskussion nur mehr Zeit gebraucht hätte, um sich noch weiter zu entfalten, und dass wir dafür alle nicht mehr frisch genug waren.

 

Bots bauen ohne Programmierung

In der nächsten Session habe ich versucht, eine kurze Einführung in Tracery und CheapBotsDoneQuick zu geben. Tracery ist eine automatisierbare Grammatik, mit der man im JSON-Format Bestandteile von Sequenzen definieren kann und Regeln festlegt, nach denen die Sequenzen gebildet werden. Wenn dann die Generierung gestartet wird, werden zufällige Sequenzen erzeugt, die den Grammatikregeln entsprechen. Mit CheapBotsDoneQuick kann man dann neu generierte Sequenzen nach den vorher bestimmten Regeln in regelmäßigen Abständen auf Twitter posten lassen. Einige Anwesende waren begeistert und konnten sich schnell mit den Tools anfreunden, aber andere, denen der technische Hintergrund fehlte, kamen nicht so leicht hinterher. Da wir uns nur kurz mit dem Thema beschäftigen wollten, habe ich mich dann damit begnügt, die Begriffe, die man für weitere Infos googeln muss, aufzulisten, damit man sich bei Interesse ausführlich damit auseinandersetzen kann. Der beliebteste CheapBotsDoneQuick-Bot, den ich gezeigt habe, war @thetinygallery.

 

Bots im Theater

Zum Schluss haben wir noch zusammen ein kreatives Brainstorming durchgeführt. Eine Teilnehmerin wollte ein Theaterstück mit oder über Bots schreiben und sich von uns inspirieren lassen. Es war schön, diesen Punkt ganz am Ende eines anregenden Tags voller verschiedener Themen zu besprechen, weil wir so auch über die bisherigen Sessions reflektieren konnten und sozusagen Vorschläge für stimmige Narrativen gesammelt haben. Das war ein guter Abschluss, der uns noch einmal die Zusammenhänge und zentralen Streitpunkte vor Augen geführt hat.

 

Ich bin dankbar dafür, dass ich die Veranstaltung im Unperfekthaus mit relativ geringerem Organisationsaufwand und fast ohne Kosten stattfinden lassen konnte, die Räumlichkeiten waren absolut ausreichend und die Getränkeflatrate im Haus hat sich voll ausgezahlt. Aber besonders dankbar bin ich natürlich, dass sich so viele motivierte, kluge und sympathische Teilnehmende gefunden haben. Über die besprochenen Themen hätte man auch alleine nachdenken können, aber durch die Interaktion mit den anderen und den Austausch unserer jeweiligen Sichtweisen habe ich auch neue Dinge gelernt und bin schlauer nach Hause gegangen, als ich morgens angekommen war.

Kommentare

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ke (14.07.2016, 23:47)
Schade, dass ich nicht dabei war! Dann wärst du mit deiner Meinung zu Bots und Kunst nicht allein gewesen. Ich sehe das auch so: Bots sind keine *Künstler*, jedenfalls nicht die Bots, die ich so kenne (ich denke z.B. an @SPIEGELCaptions, @Wiki_Irrtum, Zufallsshirt oder seances.nfb.ca). Kunst definiert sich für mich u.a. aus den immer neuen Ideen und Prinzipien, die einem Kunstwerk zugrunde liegen bzw. die sich darin entdecken lassen. Das Prinzip bei solchen Bots ist dagegen immer dasselbe: Einen Output nach bestimmten Regeln und einem Zufallsgenerator zusammensetzen. Auch bei z.B. den berühmten Mondrian-Bildern ist die Idee dahinter ja nicht immer dieselbe, er hat sie weiterentwickelt, Neues ausprobiert, auch mal ein Bild „Sonnenuntergang am See“ oder so genannt.

Vielmehr ist so ein Bot ein *Kunstwerk*. Das Kriterium, dass eine originelle Idee zugrunde liegen sollte, erfüllt ein Bot an sich ja in den allermeisten Fällen.

Man kann solche Bots aber auch als *Werkzeuge* von Künstlerinnen sehen – in dem Fall sind nicht die Bots das Endprodukt, sondern z.B. die Gesamtheit der von der Künstlerin retweeteten Bot-Tweets. Die schöpferische Tätigkeit liegt dann wesentlich auch in der *Auswahl* der Bot-Outputs, z.B. der Auswahl der Bildunterschriften oder der Wiki-Irrtümer, die verblüffend viel Sinn ergeben und/oder witzig sind. Das scheint mir zur "Found Art" zu gehören, "giving ordinary/commercial things new meaning when put within a new context in unexpected combinations or juxtapositions" (https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Found_poetry&oldid=714724340).

Natürlich könnte eine Künstlerin auch ohne Bot auf die Suche nach künstlerisch gewinnbringend Rekombinierbarem gehen, aber der Bot automatisiert es, dient als formale Beschränkung (von für wie zentraler Wichtigkeit für Kunst ich formale Beschränkungen halte, habe ich hier mal aufgeschrieben: https://texttheater.net/microblogging) und macht die Idee und das Prinzip hinter dem Kunstwerk für das Publikum sichtbarer (z.B., um bei meinem Baby als Beispiel zu bleiben, die Kritik am SPIEGEL, dass ein Zufallsgenerator genau so sinnvolle Bildunterschriften machen kann wie er).

Aber wer weiß, vielleicht entwickelt sich der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz ja dergestalt, dass es bald wirklich Bots gibt, die Kunst *machen* statt sie nur zu *sein* oder ihr zu *dienen*.
Thomas Rüdel (13.07.2016, 23:02)
Esther, toll, dass du das organisiert hast und danke für die Zusammenfassung. Sehr hilfreich!
Esther Seyffarth 2017 • Impressum